Meine Brust ist eng. Mein Herz steckt in einem Schraubstock. Es ist Sonntagnachmittag und ich wollte mir ein Schläfchen gönnen, stattdessen liege ich wach. Mein Herz pocht heftig in dem hässlichen Griff des Schraubstocks.
Ich will mein Handy checken, ob Lou geschrieben hat, aber ich unterdrücke den Impuls und schließe die Augen. Wenn Lou bei mir ist, liegen wir oft hier zu zweit, eng umschlungen. Heute liege ich allein hier, weil Lou den Tag mit Maki verbringt, und ich kämpfe mit meiner Verlustangst – natürlich unbegründet, aber das spielt für mein Gehirn ja keine Rolle. Es zieht den Schraubstock noch etwas enger, bis ich aufstehe und mich an den Text über Verlustangst setze.
Seit ich polyamor lebe, tritt die Verlustangst regelmäßig hervor. Sie springt wie ein böser Clown unerwartet hervor und sticht mir lachend ein Messer in die Brust. Aber die Angst war schon immer da. Wenn ich an meine Jugend und mein Verhalten damals denke, sehe ich die gleichen Muster wie heute. Es ist also eine alte Angst, die da hochkommt, und die polyamore Beziehung spiegelt mir das Thema nur deutlicher. Ein Umstand, den ich oft höre und der wohl generell für offenere Beziehungsmodelle gilt. In monogamen Beziehungen lassen sich Verlust- und Bindungsängste leichter kaschieren; einen Unterschied macht es allerdings nicht.
Trotzdem fragte ich mich anfangs der Beziehung, ob ich trotz meiner Verlustangst überhaupt eine polyamore Beziehung eingehen kann, oder würde ich mich daran abarbeiten? Eine Frage, die mir mittlerweile häufiger unter Polys begegnet. Meine Antwort lautet ganz klar: Ja, du kannst mit Verlustangst eine polyamore Beziehung führen. Die Frage ist nur, wie man selbst und die anderen Beteiligten damit umgehen.
Aber was ist Verlustangst überhaupt?
Verlustangst ist die Sorge, von einem geliebten Menschen verlassen zu werden oder ihn zu verlieren (aus welchen Gründen auch immer). Da es um geliebte Menschen geht, zeigt sie sich logischerweise am häufigsten in Partnerschaften, aber auch in Freundschaften oder innerhalb der Familie.
Besonders interessant finde ich, dass die Verlustangst meist den Ursprung in einer kindlichen Prägung hat. Es ist also eine alte Angst, die wir schon lange mit uns herumtragen und die zu jeder Menge Verhaltensweisen führen kann: Eifersucht, Klammern, Angepasstheit, Kontrolle bis hin zum Kontrollzwang, Bindungsangst, fehlendes (Ur-)Vertrauen, Selbstzweifel und emotionale Abhängigkeit.
Sie kann also unser Verhalten deutlich beeinflussen und damit auch der Partnerschaft schaden. Besonders kritisch wird es, wenn ein Verlustängstlicher auf einen Bindungsängstlichen trifft, denn dann triggert man sich gegenseitig und schaukelt sich immer höher und höher. Die Kombination findet man besonders oft in On-off-Beziehungen, aber darüber soll dieser Text nicht gehen. Ich konzentriere mich auf die Verlustangst.
Bei mir hat sie sich beispielsweise im obsessiven Konsultieren unseres gemeinsamen, synchronisierten Kalenders gezeigt. Ein super Werkzeug für polyamore Beziehungen, um all die Termine zu überblicken, aber ich realisierte irgendwann, dass ich den Kalender am Tag bis zu dreißig oder vierzig Mal öffnete. Ich prüfte, ob neue Termine hinzukamen und wenn ja, welche. Termine von Lou und Maki? Termine von Lou und mir? Sind womöglich Termine von Lou und mir gestrichen worden? Will sie noch Zeit mit mir verbringen? Lässt sich der Kalender noch synchronisieren oder wurde ich entfernt? Ich verglich manchmal sogar vergangene Monate mit anstehenden, um zu sehen, dass wir immer noch genauso viel Zeit miteinander verbringen und da keine „gefährlichen Tendenzen“ entstehen.
Du siehst schon, ein völlig sinnfreies Verhalten, das rein durch die Verlustangst gesteuert war. Man kann nüchtern betrachtet aus einem Kalender keinen Rückschluss auf die Beziehung ziehen. Es war rein der Wunsch, eine Bestätigung zu erhalten, dass alles gut war. Vermeintliche Sicherheit. Nur gibt es keine Sicherheit. Sicherheit ist eine Erfindung von uns Menschen.
Wenn du also bei dir irgendein seltsames Verhalten entdeckst, das zu den oben genannten Verhaltensweisen passt, bist du vermutlich auch betroffen. Verlustängstliche lassen sich auch oft ungeheuerlich viel bieten, denn sie wollen unbedingt die Kontrolle über die Situation gewinnen. Fühlst du dich ertappt? Ja, ja …
Wichtig ist, dass ein gewisses Maß an Verlustangst und Kontrollwunsch völlig normal ist, weil es uns in den Genen liegt. Wenn sich der Partner von einem wegbewegt, möchte man das vermeiden. In der Steinzeit war es überlebenswichtig, zusammenzuhalten und den Partner/die Familie zu schützen. Wir leben nur nicht mehr in der Steinzeit, haben aber ein Gehirn, das sich noch nicht viel weiterentwickelt hat. Wir kämpfen also mit alten und tief verwurzelten Emotionen.
Die gute Nachricht: Wir können etwas gegen die Verlustangst unternehmen! Das ganze Theater findet ja nur in unseren Köpfen statt und auch primär nur wegen einer unglücklichen Prägung in der Kindheit. Die Angst hat nichts mit der Realität zu tun.
Was wir gegen die Verlustangst unternehmen können, findest du in Teil 2 des Artikels.
