Verlagsinfos

Der neue RomCom-Geheimtipp!

Ein herrlich erfrischender Roman über die Liebe, das Leben und sexuelle Freiheit, verpackt in einer witzigen RomCom mit einer Protagonistin, die dir ans Herz wachsen wird.

Ein Buch zum Mitfiebern und Mitwachsen. Denn lebst Du schon, wie Du es willst?

Paperback: 14,99 Euro
ISBN: 978-3989424487
Erhältlich bei allen Barsortimentern und zum Reiserabatt bei Nova MD.

Love unconventionally: Leb, wie du es willst von Lola Joyce

Klappentext

Zwei Dinge erschweren uns das Leben unnötig:
Sich selbst im Weg zu stehen.
Und nicht zu wissen, was man will.

Mit diesen Problemen kämpft auch Mathematikerin Claire – besonders in Sachen Liebe. Sie ist Single und chronisch unterkuschelt. Mit den Männern will es einfach nicht klappen. Wie gut, dass es in ihrer zweiten Leidenschaft, dem Kochen, Rezepte gibt. Man weiß genau, was man tun muss, damit es gelingt. Doch hat das Leben nicht mehr zu bieten als selbstgemachte Ravioli in Trüffelsahne? Als Sina, eine neue Mitbewohnerin, bei Claire einzieht, muss sie sich unweigerlich den Fragen über ihre Lebensweise stellen. Sina lebt, wie sie es will, und geht ganz anders an das Projekt ›Leben‹ heran: offen, spontan und voller Selbstwertgefühl. Dann stellt auch noch Sinas Bekannter Leon Claires Leben auf den Kopf. Er berührt ihr Herz, wie es bisher noch keiner vermochte, denn er eröffnet ihr eine unbekannte und bunte Welt voller Sinnlichkeit, Liebe und Leidenschaft. Doch kann die strukturierte Claire sich auf ein so unkonventionelles Leben einlassen?

Ein unterhaltsamer Roman, der die Liebe und das Leben auf ironische Weise, aber überaus tiefgründig unter die Lupe nimmt. Und eines ist garantiert: nicht nur für Claire verändert sich so einiges, sondern auch für die Leserinnen und Leser. Perfekt für Leserinnen von Ali Hazelwood, Elena Armas und Mona Kasten.

Leseprobe

Kapitel 1

Essen ist der Sex des Alters.

Der Spruch ist auf ein billiges Holzschild gedruckt, dazu auch noch gesetzt in einer hässlichen Times New Roman. Mit einer roten Kordel und einem optionalen Saugnapf lässt es sich überall aufhängen.

Meine Mitbewohnerin Antonia grinst über beide Wangen und drückt mir das vermeintliche Kunstwerk in die Hand. »Ich musste es einfach für dich kaufen, Claire! Es passt wunderbar hier in deine Küche!«

Passt es auch. Es hängt an der Dunstabzugshaube, und die scheint einzig und allein für das Schild gestaltet worden zu sein. Ich beobachte grinsend, wie es sachte in der Abluft hin und her schwingt, während ich uns Saltimbocca alla Romana auf selbstgemachten Gnocchi zubereitet.

Man braucht dafür unbedingt gute Kalbsschnitzel. Maximal fünf Millimeter dick geschnitten. Und den richtigen Schinken, am besten Prosciutto di Parma, den echten mit einer fünfzackigen Krone eingebrannt in die Schwarte. Dann noch Salbeiblätter. Das Ganze steckt man in der Reihenfolge zusammen – also Schnitzel, Salbeiblatt und Schinken –, pfeffert es kräftig und spart mit Salz, brät alles kurz in Butter an und löscht am Ende mit Weißwein ab. Am besten nimmt man dafür Chardonnay aus Italien und kredenzt den Rest der Flasche gut gekühlt zum Essen. Die Kombination ist wirklich der Hammer.

Antonia ist genauso begeistert. Sie gibt beim Essen brummende Laute der Zufriedenheit von sich und meint zwischen zwei Gabeln: »Du hättest wirklich Köchin werden sollen und nicht hinterm Schreibtisch versauern. Was für ein vergeudetes Talent!« Sie rollt mit den Augen, schüttelt den Kopf, schenkt uns nach und hebt das Glas zum Stoß. »Aber jeder so, wie er es will. Also: Chardonnay the day away. Cheers, Claire! Cheers!«

Essen ist der Sex des Alters.

Heute schwingt das Schild nicht in der Abluft. Ganz ruhig hängt es in der Dunkelheit. Die Fettablagerungen sieht man so nicht. Der Herd ist auch kalt, und ich verspüre beim Anblick der ganzen Küche einen schmerzhaften Stich in der Brust.

Wie sich herausstellte, war das Schild nämlich ein Abschiedsgeschenk. Nach dem leckeren Essen und zwei Flaschen von dem erstklassigen Chardonnay hat Antonia mir mit geröteten Wangen mitgeteilt, dass sie endlich ihren vermeintlichen Traumjob in Berlin gefunden hat. Irgendwo in einer Internetmarketingagentur, schlecht bezahlt und von Überstunden geprägt, aber angeblich mit einem Tischkicker im Pausenraum. Der wurde ihr gut vermarktet. Work-Life-Balance. Arme Antonia. Ich sehe sie vor mir, wie sie sich jeden Tag im Pausenraum hastig irgendwelche Fertiggerichte hineinstopft, um sich dann eiligst zurück an den Rechner zu setzen, natürlich ohne eine Runde Tischkicker gespielt zu haben.

Ihr WG-Zimmer habe ich wieder ausgeschrieben. Ich könnte die Wohnung auch allein stemmen – es ist erstaunlich, wie gut Versicherungen Leute bezahlen, die rechnen können –, aber ich mag das Konzept einer WG. Es gibt nur Vorteile. Man kann sich Kosten und Arbeit teilen. Zusammen den Bergdoktor anschauen. Man weiß, dass man im Notfall nicht allein ist. Und natürlich kocht es sich für zwei besser als für eine. Man schau sich nur die Lebensmittelverpackungsgrößen an. Wer hat die bitte erfunden? Vermutlich Antonias neue Internetmarketingagentur, kommt mir in den Sinn, aber es ist doch auch wahr: Entweder man wirft die Hälfte weg, weil man im Angebot die Jumbo-Packung gekauft hat, oder man zahlt noch mehr für die Singlepackung und sitzt dann vor einer lächerlichen Scheibe Käse und einem Berg Plastik.

Als ob Singles keinen Bock auf ein umweltfreundliches Leben hätten.

Das Leben macht mir in einer WG einfach viel mehr Spaß als allein in einer Wohnung.

Heute trifft mich diese Wahrheit mal wieder mit voller Wucht. Es ist Freitagabend und ich habe nichts vor. Ich könnte also etwas unternehmen. Nur was? Tanzen? Ins Kino gehen? Auf Popcorn hätte ich mal wieder Lust, aber dann müsste ich mich umziehen, die Haare machen und raus in die Kälte.

Ich weiß, wie der Abend am Ende abläuft: Ich werde brav zuhause bleiben, mit einem Glas Primitivo und einer Tüte Chips der Geschmacksrichtung BBQ auf dem Sofa landen und mir irgendeine Kochshow mit Alexander Kumptner aus der Mediathek anschauen.

Ich mag den Alex. So stelle ich mir meinen Traummann vor. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen und für seine Schützlinge in den Kochshows da. Er kümmert sich, sorgt sich, hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, hat Humor und sieht gut aus. Und natürlich kann er kochen.

Allerdings werde ich nie an jemanden wie ihn herankommen. Wie auch? So jemand klingelt nicht unverhofft an meiner Tür und sagt: »Hi, Claire! Hier bin ich. Wollen wir zusammen Schweinebraten aufsetzen?«

Mir ist schon klar, dass ich aktiv werden müsste, um etwas zu ändern, aber Daten ist echt nichts für mich. Ich hatte vor einiger Zeit mal Tinder ausprobiert. Gott, hat da mein Herz geklopft, als ich dachte, was hab ich in meinem Leben bisher verpasst. Die App strotzte nur so voller gutaussehender und vermeintlich intelligenter Männer. Ein schier unerschöpflicher Pool von perfekten Kumptners.

Nach zwei Dates habe ich die App wieder gelöscht.

Es war einfach nur furchtbar! Ich weiß auch gar nicht, was die Männer genommen haben. Sobald ich gefragt werde, was ich arbeite, und wahrheitsgemäß erzähle, dass ich Versicherungspolicen berechne und gut davon leben kann, dann sind die Männer schon wieder weg. Die kriegen große Augen, bestellen hastig einen Schnaps, kippen ihn auf ex und gehen. Die Rechnung überlassen sie aber freundlicherweise mir.

Ich verstehe es einfach nicht. Was ist das Problem, wenn die Frau einen guten Job hat und ordentlich verdient? Wäre das für einen Partner nicht entspannend? Erleichternd? Offenbar nicht, sondern das monatliche Gehalt der Frau scheint umgekehrt proportional mit dem Selbstwertgefühl der Männer zu korrelieren. Oder die glauben immer noch den alten Spruch: Dumm fickt gut. Wie schlecht im Bett muss also bitte eine Versicherungsmathematikerin mit abgeschlossenem Studium mit Auszeichnung sein?

Essen ist der Sex des Alters.

Deprimiert schließe ich die Augen und massiere mir die Schläfen. Ist es schon so weit mit mir gekommen? Ich bin doch gerade mal achtunddreißig und stehe in der Blüte meines Lebens. Warum sitze ich an einem Freitagabend allein in meiner dunklen, stillen Küche? Irgendwie ist mein soziales Leben gerade genau so nichtexistent wie meine Klitoris für die Männerwelt. Gut, das ist ein anderes Thema. Wobei … egal. Es wundert mich auf jeden Fall nicht, dass mich Ceviche, Falafel, Humus und Pho Bo aus Vietnam mehr befriedigen.

Ob Antonia diese Reaktion bei mir allerdings mit dem Schild auslösen wollte, stelle ich mal infrage. Eine solche Tiefgründigkeit würde mich dann doch bei ihr wundern. Sie konnte halt gut essen – und ich gut kochen. Ein perfektes Match.

Ich hole mir ein leeres Weinglas und schenke mir großzügig ein. Der Primitivo aus Italien ist schwer, so schwer wie meine Seele, und ich trinke mit langen Schlucken. Ich befürchte, dass mich morgen Kopfschmerzen quälen werden, vielleicht sogar rote, juckende Hautflecken vom vielen Histamin, aber ich werde die Kopfschmerzen umarmen wie eine neue Mitbewohnerin. Vor Anfragen kann ich mich kaum retten, aber es bewerben sich auch wirklich Hinz und Kunz, obwohl ich Kriterien aufgestellt habe. Weiblich, zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig, ordentlich, kennt den Unterschied zwischen Dreißig-Grad- und Sechzig-Grad-Wäsche, ist kulinarisch aufgeschlossen und hungrig. Da müsste sich doch jemand finden lassen, der des Lesens mächtig ist und den ich bekochen kann.

Essen ist der Sex des Alters.

Ich mustere den Flaschenfüllstand des Primitivos und lasse meine Lippen flattern. Es klingt wie ein langer, erleichternder Furz.

Am Ende tausche ich Küche gegen Wohnzimmer, den Wein treu an meiner Seite. Wie befürchtet, hole ich auch noch eine Packung Chips für uns aus dem Naschschrank, und dann glotzen wir schweigend und mit einer Decke bis zum Hals hochgezogen eine Drei-Stunden-Folge von Kitchen Impossible mit Tim Mälzer. Ja, es ist nicht der Alex geworden, das hätte ich nicht gepackt. Also muss der Mälzer herhalten. Man hat ihn ins Baskenland geschickt, wo er ein Drei-Sterne-Gericht nachkochen muss, ein Dreierlei vom Pulpo mit Schaum, karamellisierter Soße und bunten Blüten, die in eine Art Gelkissen drapiert sind.

Essen ist der Sex des Alters.

So ist das wohl, wenn man auf die Vierzig zu geht.

Mit schwerer Zunge, schwerem Gemüt und schweren Beinen gehe ich schlussendlich ins Bett.

Dort liege ich auf der linken Seite der Einsvierziger-Matratze und lasse meine Hand über die rechte, leere Seite wandern. Der Bettbezug ist kalt. Der Stoff meiner Bettdecke knistert bei meinen Bewegungen.

Einen Moment lang lasse ich die Hand dort liegen, bevor ich seufze und sie aus der Kälte des Zimmers unter die Decke ziehe.

»Gute Nacht«, sage ich noch ins Zimmer und schalte das Licht aus.

Schlaf will sich allerdings nicht einstellen. Trotz des Betäubungsversuchs mit dem Primitivo startet mein Gedankenkarussell, und das dreht sich schnell. Sehr schnell. Es sind immer wieder die gleichen Fragen: Warum liege ich mit meinen achtunddreißig Jahren allein im Bett? Warum will es bei mir mit den Männern nicht klappen? Warum ist mal nicht ein netter Kerl dabei, mein Alex Kumptner?

Das Denken ist ein generelles Problem von intelligenten Leuten; sie machen sich auch einfach zu viele Sorgen. Bei mir kommt hinzu, dass ich alles nüchtern und logisch analysiere, und dann versuche, mein Leben in eine Gleichung zu packen. Eine Lösung für meine Probleme habe ich allerdings noch nicht gefunden. Ich weiß ja nicht einmal genau, wonach ich die Gleichung auflösen soll. Was ist mein X? Mein Job? Mein Charakter? Mein Körper? Irgendwie enden auch alle Versuche darin, mich selbst aus der Gleichung zu kürzen. Das kann ja auch nicht die Lösung sein.

Ach, wie gern hätte ich ein Kochrezept fürs Leben. Eine Prise davon, ein Schuss davon und ein Löffel hiervon. Dann umrühren, aufkochen, würzen und et voilà.

Leider habe ich kein Rezept, sondern eine Gleichung mit viel zu vielen Unbekannten. Und in den nächsten Wochen sollten noch einige dazukommen, die alles auf den Kopf stellen: mein Leben, meine Sexualität und meine Gefühlswelt.

Kapitel 2

Ein paar Tage später schreibt mir mein alter Kumpel Mike, ob ich nicht mal wieder zu ihm und seinem Freund Florian zu Besuch kommen möchte. Das letzte Treffen ist schon wieder ewig her, und so nutze ich die Gelegenheit. Man soll Feste feiern, wie sie fallen.

Ich mag die beiden auch total gern. Sie sind seit fünfzehn Jahren ein Paar und seit zehn Jahren wundervolle Väter einer Tochter. Mike kenne ich vom Studium. Er war Tutor und hat mir so oft vor Klausuren mit Lernsessions den Allerwertesten gerettet, dass ich aufgehört habe zu zählen. Und die zwei sind einfach so lustig.

Mike wirft gerade theatralisch die Hände in die Luft und ruft: »Der Elternabend war nicht auszuhalten!«

Florian schiebt ein seltsames Kichern hinterher, hihihi, was Mike mit den Augen rollen lässt.

»Genau so haben die gekichert, als das Wort Ständer fiel. Hihihi. Ständer! Es ging um einen Kartenständer, der im Weg stand. Gott bewahre.«

Wieder kichert Florian dieses seltsam erwachsene Kinderkichern. Hihihi.

Genau für diese Art liebe ich die beiden. Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen und nippe von dem Wildberry Lillet, den mir Mike gemixt hat. Die gefrorene Beerenmischung ist kühl an meinen Zähnen. Man braucht dafür auch nicht viel: Ein Teil Lillet, zwei Teile Wildberry, Eiswürfel und gefrorene Beeren.

Mike schüttelt wieder den Kopf. »Ich fasse es immer noch nicht! Wozu braucht man beim Thema Sexualkunde vorab einen Elternabend? Wie hat die Empfängnis der anderen Kinder in Emmas Klasse denn bitte stattgefunden? Wie die von Maria? Oder sind die alle aus dem Reagenzglas?«

Florian zuckt mit den Schultern. »Doppelmoral halt.«

Mike winkt schnaubend ab. »Geht mir die wohin. Da hat echt ein Vater gerufen: Mit dem Schweinskram kommt mein Kind nicht in Kontakt! Keiner hat was gesagt, aber ich hab mich schon gefragt, ob der das Internet kennt. Schweinskram! Als ob Sex nicht die normalste Sache der Welt wäre.«

Florian zuckt mit den Schultern. »Für viele nicht. Du weißt, wie die uns zwei Papas wieder angeschaut haben. Als ob wir Autos wären.«

»Was die von uns denken, ist mir ja ziemlich egal«, meint Mike, »aber es kann doch nicht sein, dass ein völlig normaler, biologischer Vorgang, der den Fortbestand unserer Spezies sichern soll und unglaublich viel Spaß macht, immer noch so tabuisiert wird. Als ob es die Sechziger- und Siebzigerjahre nie gegeben hätte!«

»Hat es für viele von denen vermutlich auch nicht.«

Der Lillet ist wirklich lecker. Ich spüre den Alkohol in meinen Kopf steigen, dabei ist es noch nicht mal acht.

»Ja, dummes, weltfremdes Pack.« Mike kommt aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. »Und das in der Stadt. Aufm Land hätte ich es ja verstanden, aber hier in München? Unglaublich. Einfach unglaublich. Vielleicht sollte ich doch mal bei so einer Veranstaltung erzählen, wie Flo und ich uns kennengelernt haben. Dann fallen die reihenweise in Ohnmacht.«

Ich kenne die Story. Man stelle sich eine Autobahnraststätte vor. LKWs ohne Ende auf dem Parkplatz, verschwitzte Truckerfahrer mit Bierdosen in den Händen davor drapiert. Der Geruch von Tankstelle, Abgasen und nicht entsorgtem Müll. Im hintersten Bereich gibt es zwei Parkplätze in einer von Büschen umwachsenen Nische. Dort verabreden sich seit Jahren viele Schwule per WhatsApp-Gruppe zum Sex. Einfach Sex ohne Liebe, entweder in seinem Auto oder in seinem. Ist auch am Ende egal, es geht um den reinen Akt der sexuellen Befriedigung. Dort haben sich beim Sex ohne Liebe Mike und Florian kennengelernt – und danach bei einem Käsesandwich mit Remoulade von der Raststätte festgestellt, dass sie doch Sex mit Liebe hatten oder mindestens mit Interesse an dem anderen.

»Lieber erzählst du es nicht«, meint Florian. »Oder weißt du, Claire, ob Haftpflichtversicherungen Personenschäden übernehmen, die als Folge einer Handgreiflichkeit nach einer schlüpfrigen Erzählung entstanden sind?«

Ich grinse und schüttle den Kopf. »Das schließt das Kleingedruckte sicher aus.«

»Ja, vermutlich.« Florian seufzt tief, dann fragt er: »Was gibt es denn bei dir so Neues? Haben uns ja jetzt schon ewig nicht mehr gesehen. Sicher drei Monate. Oder sogar vier?«

Ich zucke mit den Schultern. »Viel ist nicht passiert. Eigentlich ist nur Antonia ausgezogen.«

»Deine Mitbewohnerin? Ach, ne!«

»Ja.« Ich seufze. »Es ist tragisch. Eigentlich wollte ich die ja mal zu euch mitbringen. Ihr hättet sie sicherlich gemocht. Und sie euch.«

Mike grinst. »Jeder mag uns. Jeder, der mental nicht beschränkt ist.«

Ich lächele, und Mike will wissen, ob ich eine neue Mitbewohnerin suche.

»Klar. Beworben haben sich über dreihundert Leute, aber nur zwei haben die Kriterien erfüllt. Ich treffe mich morgen mit der ersten, sie heißt Marlene, und übermorgen mit der zweiten, einer Sina. Hoffentlich ist eine gute Esserin dabei.«

Flo drückt wieder dieses Erwachsenenkichern heraus – hihihi. Es steht ziemlich lange im Raum, bis Mike fragt: »Und was macht die Liebe?«

Ich stöhne auf. Mike fragt mich das bei jedem Treffen. Gut, wir sehen uns auch nur zwei- oder dreimal im Jahr, da ist die Frage bei einer wie mir schon berechtigt. Und sie ist bei Mike nicht mit einer Wertung verbunden. Ihm ist es völlig egal, ob ich Single oder in einer Beziehung bin, ob mit Mann oder Frau oder Transgender, Hauptsache ich bin glücklich. »Leider nicht viel.« Ich denke an meine Kiste Primitivo und die einsamen Nächte und unterdrücke einen weiteren Seufzer.

Mike schüttelt den Kopf. »Ich verstehe es einfach nicht. Wäre ich nicht stockschwul, wäre ich längst mit dir zusammen.«

»Ich auch«, fügt Florian augenzwinkernd hinzu.

»Danke«, sage ich ernst gemeint. »Ich verstehe es auch nicht. Irgendetwas scheint die Männer abzuschrecken.«

»Die Optik ist es sicher nicht.«

»Und dein Kontostand auch nicht. Und Kinder hast du auch keine.«

»Vielleicht solltest du dir einen Hund anschaffen«, schlägt Mike vor.

»Der widerspricht wenigstens nicht und will rund um die Uhr kuscheln, oder was?«

»Und der weiß, wo sein Platz ist. Absolut troy.« Er betont das letzte Wort wie im Song der Fantastischen Vier.

Ich stoße einen schnaubenden Laut aus. »Ein Hund kommt überhaupt nicht infrage. Ich bin doch viel zu lange auf der Arbeit. Das wäre keine artgerechte Haltung. Jeden Tag neun oder zehn Stunden alleine. Das ist nichts für so ein Rudeltier.«

»Dann nimm eine Katze. Die haben kein Problem mit dem Alleinsein.«

»Toll«, brumme ich. »Sagt man nicht: Einen Hund erzieht man, einer Katze dient man?«

Mike zuckt vielsagend mit den Augenbrauen. »Dienen ist ja per se nichts Verkehrtes. Ich komme mir auch oft wie Emmas Diener vor.«

»Emma ist deine Tochter!«

»Trotzdem hat sie manchmal diesen Befehlston drauf. Wo sie den nur her hat?« Ein stichelnder Seitenblick zu Florian. »Aber ernsthaft. Vielleicht wäre eine Katze wirklich was für dich. Du hättest Gesellschaft und jemanden zum Kuscheln. Also ich stell mir das schon gut vor, wenn man abends auf dem Sofa liegt und sich so ein warmes Fellknäuel zu einem hinlegt.«

Ich habe eine ganz andere Vorstellung. Ich sehe die Katze in der Küche, so eine gewaltige, haarige Maine Coon, die über den Esstisch schlendert, mir dabei ihren Anus zeigt, dann zu einem eleganten Satz ansetzt und auf der Arbeitsplatte landet. Wie sie in der Spüle sitzt und aus dem Hahn trinkt. Wie ihr buschiger Schwanz, der vorher die spinnwebenvollen Kellerecken gesäubert hat, jetzt über mein abgespültes Geschirr pinselt, das auf der Ablage trocknet. Wie sie mir zur Krönung noch stolz eine Maus vor die Füße legt, den Kopf blutig abgerissen.

Mich schaudert es. »Ich glaube nicht, dass eine Katze was für mich wäre. Eher eine Schildkröte oder so.«

Flo rümpft die Nase. »Mit denen kannst du aber nicht kuscheln.«

»Dafür sind sie entspannt.« Ich schüttle trotzdem den Kopf. »Nein, nein, ein Haustier kommt mir nicht in die Wohnung. Ich brauche einfach schnellstmöglich wieder eine Mitbewohnerin.«

»Dann drücken wir die Daumen, dass eine von den beiden zu dir passt.«

»Ja, das hoff ich auch. Wobei man das ja auch erst nach ein paar Wochen sagen kann. Bei Besichtigungen erzählen sie dir doch alle das Blaue vom Himmel.«

»Hey!«, empört sich Mike. »Denk positiv! Wenn du immer so negativ an die Dinge rangehst, kann das nichts werden. Man zieht das an, was man denkt.«

Ich brumme. »Seit wann fährst du bitte auf die Eso-Schiene ab?«

»Du weißt, dass ich von Esoterik nicht viel halte, aber ich bin überzeugt, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Um klugzuscheißen: Fortis fortuna adiuvat.«

Ich sehe Mike fragend an, und schon zitiert Florian: »Den Mutigen oder Tapferen hilft das Glück. Altes lateinisches Sprichwort.«

»Das John Wick als Tattoo auf dem Rücken trägt«, ergänzt Mike grinsend.

»John Wick?«, echoe ich. »Du gibst mir wirklich den Leitspruch eines fiktiven Superkillers als Rat?«

»Klar. Auch die Macher von solchen Filmen verbauen mal einen Funken Wahrheit. Und John Wick besteht gegen jegliche Übermacht. Genauso kannst du gegen Negatives bestehen.« Mike wird ernst. »Das hab ich gelernt, Claire. Man kann Angst vor der Zukunft haben und sich von der Angst lähmen lassen. Dann passiert nichts mehr. Oder man kann auf seine eigenen Fähigkeiten vertrauen und sagen, egal, was die Zukunft bringen mag, ich schaffe es, damit umzugehen. Wie John Wick. Also schau positiv auf die beiden Bewerbungsgespräche. Eine wird schon passen, und wenn du es zulässt, kann dich der neue Kontakt sogar bereichern. Es liegt am Ende bei dir, was du mit den Chancen anfängst, die dir das Leben anbietet.«

»Amen!« Ich hebe mein Glas, um meiner Erwiderung die Spitze zu nehmen.

Zum Glück ist Mike nicht nachtragend. Er will auch nur mein Bestes.

Als ich nach drei Wildberry Lillets und diversen Gesprächen angetrunken nach Hause stapfe, muss ich wieder an den Spruch denken.

Fortis fortuna adiuvat.

Ich bin gespannt, was für Bewerberinnen das sein werden. Eines weiß ich sicher: Ich werde sie nicht wie John Wick mit einer Knarre an der Stirn begrüßen. Insofern stehen die Chancen gut, dass eine am Ende bleibt. Zumindest hoffe ich das. Ich hoffe es sogar sehr.

Kapitel 3

Bewerberin Marlene ist schon mal fünf Minuten zu früh. Fünf!

Was man in fünf Minuten alles hätte machen können!

In einem beigefarbenen Mantel und beigefarbenen Jeans steht sie vor meiner Tür. Sie trägt passende, beigefarbene Sneaker und einen beigefarbenen Schal mit Linienmuster. Auch ihre Haare sind beigefarben und fallen perfekt in schnurgeraden Linien bis zu ihren Schultern.

Ich muss bei ihrem Anblick an den Caramel macchiato von Starbucks denken, den ich auf dem Nachhauseweg getrunken habe und der jetzt treibt. Fünf Minuten. Warum, bitteschön?

»Hi!« Sie lächelt weich und lieblich. Aber irgendwie sieht ihr Gesicht dabei unnatürlich natürlich aus. Vielleicht hat sie sich aufwendig geschminkt, sodass es ungeschminkt aussieht. Das ist ziemlich verquer. Früher hat man gesagt, die hohe Kunst wäre, aus wenig viel zu machen. Jetzt machen sie viel für wenig.

»Ich hab dir was mitgebracht.« Sie überreicht mir eine Duftkerze. Darauf steht Vanille. Beigefarben.

Ich lächle dankbar, obwohl ich dringend Wasser lassen müsste, und sage: »Danke. Das wäre aber nicht nötig gewesen.«

»Gehört sich aber.« Dann kommt Marlene herein, schlüpft aus den Sneakern (auch ihre Strümpfe sind beigefarben) und sieht sich neugierig in meiner Wohnung um.

»Cool«, sagt sie. »Nett hast du es hier.« Sie hat nur den Gang mit der Garderobe gesehen.

»Man gibt sich Mühe.« Ich deute auf eine offenstehende Zimmertür. »Das wäre dein Reich.«

Marlene schaut hinein und nickt zufrieden. »Kann man was draus machen. Darf ich das Bad sehen?«

»Klar.«

Im Bad steht der Klodeckel oben, und ich möchte mich am liebsten setzen und mich erleichtern. Marlene scheint aber hier genauer hinschauen zu wollen. Ganz akkurat mustert sie Klo, Waschbecken und Badewanne samt Duschvorhang. Dann sagt sie: »Schau dir immer zuerst das Klo an, wenn du wo bist. Daran erkennt man, wie sauber jemand ist.«

»Ich kenne den Spruch auch, nur aus der Gastro. Wenn das Klo nicht sauber ist, esse ich dort nicht.«

Marlene nickt wissend und wirft noch einen undeutbaren Blick in die Toilette. Die ist zum Glück nicht beige.

Marlene fragt: »Darf ich die Küche sehen?«

Ich lächele breit. »Klar. Das Herz der Wohnung.« Ich vergesse dabei sogar für einen Moment, dass sich meine Blase wie ein riesiger Ballon kurz vorm Platzen anfühlt.

In der Küche ist ordentlich aufgeräumt. Das ist allerdings nicht immer so. Nach dem Kochen bin ich oft zu geschafft, um noch abzuspülen. Ich lasse dann alles stehen, bis ich am nächsten Tag von der Arbeit komme und kochen will und dann putzen muss. Ich muss an mein Gespräch mit Mike und Florian denken und schäme mich ein wenig, denn ich tue genau das, was ich gestern im Voraus bemängelt habe. Aber Beschönigen tun wir ja alle. Marlene ihr Gesicht. Ich meine Küche. Wir alle unser Leben. Da geht man einmal zum Schwimmen und erzählt auf der Arbeit, dass man schwimmen war. Man geht einmal zum Klettern und erzählt, dass man klettern war. Man geht also zweimal im Jahr zum Sport und alle glauben, man sei voll die Sportskanone, die nichts anderes macht als Schwimmen und Klettern.

Und da verstehe ich die Modeindustrie nicht. Jedes Mal, wenn ich zum Klamottenshoppen gehe, wundere ich mich, warum die Hosen und Kleidchen so eng ausfallen. Warum brauche ich eine Nummer größer, als ich eigentlich habe? Warum will die Industrie, dass wir uns alle zu dick fühlen? Das ist so skurril. Wir wollen uns doch alle gut fühlen, und wenn es in einem Laden andersherum wäre, würde ich da richtig Geld lassen! Endlich S statt M. Wie geil wäre das denn?!

Im Mülleimer liegt der leere Becher von Starbucks und holt mich in die Realität zurück. Meine Blase platzt beinahe. Herrgott, können die Leute nicht pünktlich kommen? Ist zu früh kommen nicht sogar ein Ausschlusskriterium?

Marlene nickt und nickt und nickt und sagt: »Gefällt mir echt gut, die Wohnung. Guter Preis, gute Lage und sauber. Und du bist auch ganz nett«, schiebt sie noch hinterher. Dieses Vanilla-Girl mit ihren beigefarbenen Klamotten und weichen Formen. Da fällt mir auf, dass sie unter dem Mantel eigentlich ziemlich schlank aussieht. Ob sie wirklich gut essen kann?

Mich drückt meine Blase mittlerweile so sehr, dass ich an Feuerwehrautos im Einsatz denken muss. »Wasser Marsch!« Und wusch!

Ich überkreuze im Stehen die Beine und frage: »Wie stehst du denn eigentlich zu Kulinarik und so? Ich suche ja jemanden, der sich dafür begeistert und gern isst.«

Marlene schenkt mir einen Augenaufschlag aus dem Bilderbuch. »Ich esse ungemein gern.«

»Das klingt gut. Und was so? Hast du Vorlieben?«

»Ja«, sagt sie stolz. »Ich achte sehr darauf, was ich esse. Am liebsten kaufe ich Bioprodukte oder direkt vom Bauern. Und natürlich esse ich vegan.«

Stille. »Vegan?« Meine Stimme ist nur ein heiseres Flüstern.

»Ja, vegan. Keine Sorge, du kannst dich als Köchin kreativ voll auslassen. Mittlerweile kann man alles auch vegan umsetzen. Von Geflügel über Steak zu Pizza und Pasta, einfach alles. Es gibt sogar veganen Parmesan für cremige Risottos.«

Ich stelle mir mein Risotto Bianco ohne Butter und Parmesan vor und kriege eine Gänsehaut. »Aha.«

»Kein Witz. Du schmeckst keinen Unterschied, ob es Parmesan oder Hefeflocken sind. Oder ob du Erbsenprotein oder Schweinebauch isst. Und du tust den Tieren und dem Planeten etwas Gutes. Du kannst natürlich für dich auch gern mit Fleisch kochen – also wenn ich nicht da bin. Ich bin da nicht so. Ich will nicht missionieren. Leben und leben lassen.« Sie lächelt ihr weiches Vanille-Lächeln und fragt: »Darf ich den Kühlschrank sehen?«

Ich nicke einfach, erstarrt von der Aussage, dass Erbsenprotein wie Schweinebauch schmecken soll. Mein kulinarisches Kartenhaus wackelt. Das ist, als ob man Dünnschiss mit Foie gras gleichsetzt. Oder Butter mit Tapetenkleister. Paul Bocuse stirbt gerade ein zweites Mal – und ich mache mir beinahe in die Hose.

Die Gummidichtung seufzt. Für einen langen Moment fällt kühlschrankkaltes Licht auf Marlene und wischt die Weichheit fort. Vielleicht ist es auch der Anblick des Kühlschrankinneren. Eine prächtige Leber, die ich später mit Zwiebelringen in Butter anbraten möchte, glänzt auf einem Teller im eigenen Blutsaft. Daneben warten Bohnen darauf, blanchiert und in Butter geschwenkt zu werden.

Ich habe das Gericht aus einer literarischen Kochzeitung. Es heißt: Hannibal.

Dass ich es für diesen Abend geplant hatte, war reiner Zufall. Die Leber war im Angebot. Dreiunddreißig Prozent Rabatt. Daran kommt die Schwäbin in mir nicht vorbei. Konnte aber auch nicht ahnen, dass Marlene es gar nicht vanilla findet, dass Innereien zusammen mit Erbsenprotein in einem Kühlschrank gelagert werden.

Marlene wäre auch so nichts für mich gewesen. Sie hat keinen Sinn für Humor und auch irgendwie einen an der Waffel. Erbsenprotein schmeckt wie Schweinebauch. Erbsenprotein!

Als sie endlich gegangen ist und ich aufs Klo sinke, platzt mir ein Seufzer der Erleichterung über die Lippen.

Eines schwöre ich in dem Moment: Sollte Bewerberin zwei auch fünf Minuten zu früh kommen, lass ich sie einfach gar nicht rein. Dann bleib ich weiterhin allein oder kaufe mir doch eine Maine Coon. Oder esse ab sofort für zwei. Jawohl! Für zwei, und kauf mir statt M L! »Hört ihr? L!«

***

Ich muss zum Glück nicht die Modeindustrie ankurbeln, denn Bewerberin zwei steht am nächsten Tag pünktlich auf der Fußmatte. Sie sieht sehr sympathisch aus, so gar nicht vanilla. Wenn sie lächelt, zeigen sich Grübchen auf ihren Wangen.

Sie stellt sich als Sina vor, sechsundzwanzig Jahre alt, im vorletzten Semester ihres Sinologie-Studiums.

»Chinawissenschaften«, sage ich erstaunt. »Interessant.«

Sina zuckt mit den Achseln. »Ein wenig trocken. Hatte es mir irgendwie spannender vorgestellt, aber wer hat das vor dem Studium nicht?«

Ihre Offenheit gefällt mir sofort. »Wahre Worte. Wenn ich gewusst hätte, dass ich mal die einzige Versicherungsmathematikerin in der Abteilung bin, hätte ich es mir auch anders überlegt.« Ich lächele und winke sie herein. »Lass die Schuhe gern an.«

Sie zieht sie trotzdem aus. Vielleicht im Studium angelernt? Machen das nicht die Chinesen so?

Als sie sich auch die Jacke abstreift und wie selbstverständlich an die Garderobe hängt, fällt mir auf, wie körperbetont sie ihre Klamotten trägt. Wie eine zweite Haut. Man erkennt die Körperspannung darunter, den straffen Bauch, die definierten Oberschenkel. Sie muss viel Sport treiben. Sehr viel Sport. Und sie muss gute Gene haben. Sehr gute Gene.

Mit einem Anflug von Neid frage ich mich, ob mir das gefällt. Ich denke an meine Jugend. Fast immer war eine Granate mit einer Hässlichen unterwegs, um noch granatiger zu wirken. Man nennt das in der Wissenschaft den Hässliche-Freundin-Effekt. Oder das Ablenkungs-Gesicht.

Ich stelle mir vor, wie ich mit Sina abends in die Stadt gehe. Sie leuchtet und strahlt, schwebt über den Asphalt wie ein Engel, ich dackle wie ein Schatten hinter ihr her und trete in Hundekacke.

Das Ablenkungs-Gesicht. Will ich so eine Mitbewohnerin? Am Ende stehen die Männer hier Schlange, und ich kann Klogeld in meiner eigenen Wohnung verlangen.

Und kann sie überhaupt essen bei so einem Körper? Ich stelle mir einen Magen in der Größe einer Erbse samt schnurdünnem Darm vor und erschauere. Noch schlimmer wäre …

Unverschämt und direkt platzt es mir über die Lippen: »Du bist aber keine Veganerin oder so?«

Sina mustert mich irritiert, dann lacht sie glockenklar: »Du hast doch jemanden gesucht, der gern isst, oder? Also davon bin ich ausgegangen. Ich hoffe, du kannst Schweinebraten.«

Mir fällt ein Stein vom Herzen. »Selbstverständlich! Schön mit Knödeln, Dunkelbiersoße und Salat.«

Sina grinst. »Mit krosser Schwarte! Genau mein Geschmack.« Ohne weitere Fragen zu stellen, macht sie sich einfach auf, um die Wohnung zu inspizieren.

Sina, die Granate.

Neugierig erkundet sie ihr Zimmer, die Küche und das Gemeinschaftswohnzimmer. Zuletzt begutachtet sie das Bad und seufzt erleichtert. »Du hast eine Badewanne. Das ist gut.«

Ich mustere die Wanne und zucke mit den Schultern. »War erst zweimal drin. Ich dusche lieber.«

»Ich eigentlich auch, aber so am Wochenende lege ich mich schon gern rein. Dann auch mal länger. Wellness zuhause.« Sie lächelt herzlich. »Ist kein Problem, oder?«

»Nö. Ich mein, es wäre cool, wenn du es mir vorher sagst, dass ich noch aufs Klo kann, aber ansonsten: Feel free.«

»Cool.«

Sina streift nochmals durch die Wohnung und wirft einen Blick hierhin und dorthin. In ihrem zukünftigen Zimmer holt sie ein Maßband aus der Hosentasche und vermisst grob den Raum. Sie nickt zweimal, steckt das Band wieder ein und setzt ihren Rundgang fort. Als sie in der Küche den Kühlschrank öffnet, stockt kurz mein Herz, aber Sina hat keine Probleme mit den unveganen Lebensmitteln darin. Sie scheint ziemlich unkompliziert zu sein. Und direkt. Denn sie sagt: »Hey, cool, du trinkst Cola! Darf ich eine haben?«

Ich nicke. »Klar.«

Also nimmt sie eine Coke aus dem Seitenfach und knackt die Dose zischend auf.

»Irgendwelche Putzpläne? Aufgabenverteilungen? Müll-Raustrage-Termine? Et cetera?«, will sie zwischen zwei Schlucken wissen. Sie muss wohl mal ein Piercing unter der Unterlippe gehabt haben.

»Eigentlich nicht. Ich koche und gehe einkaufen. Ich habe hier eine Liste, da schreibt jeder auf, was sonst noch gekauft werden muss. Kassensturz machen wir einmal im Monat. Putzen tue ich meist samstags vormittags. Aber da können wir uns gern arrangieren, wenn du wegen deines Studiums lieber unter der Woche putzen willst. Können es auch vierzehntägig im Wechsel machen. Mir ist das eigentlich alles ziemlich egal, so lange es erledigt wird. Cool wäre es, wenn du mir nach dem Kochen beim Abwasch hilfst. Das schaff ich oft nicht mehr.«

»Okay. Ist ein fairer Deal.« Sina trinkt, wischt sich etwas Cola von den kirschroten Lippen und nickt. »Also ich würde gern einziehen. Ich glaub, du bist ganz cool drauf.«

»Dito.« Ich werde ernst. »Die Frage muss ich jetzt aber doch stellen: Kannst du dir als Studentin die Wohnung überhaupt leisten?«

Sina winkt ab. »Ist kein Thema. Ich jobbe regelmäßig. Teilweise auch an Wochenenden. Dann bist du mich los.«

»Okay, cool. Was machst du?«

»Momentan hauptsächlich interkulturelle Arbeit. Hat mit meinem Studium zu tun. Ein paar Chinesen betüddeln und so. Die kommen für Messen und Geschäftstermine rüber und sind lost. Die brauchen etwas Anleitung. Wo geht man essen und wie geht man essen und was geht man essen und so. Kindergartenbetreuung für Erwachsene, sozusagen.«

»Klingt so semispannend.«

Ein Lächeln. »Gibt Besseres, wird aber gut bezahlt. Und du kannst Hummer und Kaisergranat und Austern essen. Die Chinesen haben einfach Kohle.« Dann wird Sina ernst. »Wie ist es mit Besuch?«

Das Ablenkungs-Gesicht.

»Was meinst du mit Besuch? Freundinnen, Freunde oder Partner?«

Sina nickt, und ich seufze. »Also, wenn mal jemand zu Besuch kommt, ist mir das völlig egal. Eine Party müsstest du mit mir absprechen, sonst krieg ich Ärger mit der Nachbarin nebenan. Ilse ist eigentlich ganz umgänglich, nur laut findet sie nicht so gut. Und ein Partner … fänd ich ehrlicherweise nicht so gut. Zumindest nicht, wenn er dann auch noch so halb hier einzieht. Außerdem sind die Wände recht hellhörig, wenn du verstehst, was ich meine.« Ich spüre, wie mir die Röte unter dem Shirt über den Hals bis zu den Wangen kriecht.

Sina scheint weniger verstockt zu sein als ich. Sie grinst und meint: »Dafür gibts Noise-Cancelling-Kopfhörer. Aber keine Sorge, ich hab keinen Freund und auch nicht vor, mir einen anzuschaffen. Viel zu viel Stress. Mein Freund heißt wenn dann Womanizer.«

Mein Kopf leuchtet vermutlich wie die Rotlichtlampen bei der Physiotherapie. Ich denke an meinen Vibrator in der Nachttischschublade, dessen Batterien längst ausgelaufen sind. Die vierzig Euro Investition bereue ich heute noch. Nicht, dass es nicht funktioniert hätte, aber irgendwie ist die Vorstellung, sich von einem stilisierten Pinguin stimulieren zu lassen, so verquer, dass ich ihn nur einmal benutzt habe. War ein teurer Orgasmus. Dafür hätte ich vermutlich auch einen Callboy für einen Cunnilingus bezahlen können. Nicht, dass ich das getan hätte, Gott bewahre! Aber theoretisch. Theoretisch!

Welcher Produktdesigner kommt auch bitte auf einen Pinguin? Weil die so süß sind? Warum dann nicht Hundewelpen mit heraushängender, vibrierender Zunge oder gleich Schweinebabys?

Die Vorstellung von tierischen Sextoys ist noch schlimmer und ich verdränge sie schnellstmöglich, während Sina die Cola leert und wissen will, wohin die Pfanddose kommt. Ich zeige ihr unter der Spüle meinen Sammelplatz, dann schaue ich sie an und höre mich sagen: »Also … wenn du willst, hast du das Zimmer.«

Sina zeigt ihre Grübchen. Ihre Lippen schimmern feucht. »Echt? Das ist ja mega! Wann kann ich einziehen?«

»Wenn du willst, morgen. Ich brauch nur ein paar Daten von dir für den Vertrag und die Kaution, dann kriegst du einen Schlüssel. Wenn du willst, können wir das heute noch aufsetzen. Ich hab für Tortellini Emilia eingekauft. Schinken, Erbsen, Sahnesauce. Wenn du magst …«

Sina mochte. Im sahnigen Dunst italienischer Nudeln mit Schinken und Erbsen haben wir den Untermietvertrag unterschrieben.

So habe ich Sina, die Granate, kennengelernt.

Explodieren würde sie auch noch – und zwar gewaltig. Man stelle sich ein explodierendes Haus vor. Einen bombastischen Feuerball, umhüllt von wallendem Rauch. Man verhundertfache das. Man stelle sich eine Atombombe vor. So in etwa würde mein Leben explodieren. Und ich mittendrin.