Lolas Literaturliebe: Liebesnähe (Ortheil)

Es war mein zweites Buch von Ortheil, und wie schon in „Die große Liebe“ erlebt der Leser die Anfänge einer Liebesbeziehung.

Der Inhalt in Kürze: Mann und Frau, Luxushotel, gemeinsame Bekannte, lernen sich nach und nach kennen, aber nur über Botschaften, komplett sprachlos, völlige Harmonie.

Völlige Harmonie? Ja, tatsächlich. Es grenzt an Grausamkeit, in welcher Übereinstimmung die Protagonisten denken. Jedes Zeichen, jeder Hinweis wird so verstanden, wie es/er gemeint war, egal um wieviel Ecken gedacht wurde. Zufälle spielen ihnen genau in die Hände. Es gibt keine negativen Schwingungen. Zwar haben beide ihr Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen (natürlich unverschuldet) und auch sonst ist ihnen jeder Makel fremd als solle der Gegenbeweis zu „Wahre Liebe ist, wenn man einen Menschen nicht trotz, sondern wegen seiner Fehler liebt“ angetreten werden.

Gerade am Anfang hat mich noch etwas regelrecht verstört: Übergriffigkeit. Ihr kennt das aus vielen Filmen, wenn im Namen der Romantik überwiegend der Mann in die Integrität der Frau eingreift (und sie dann dahinschmilzt). Gleiches findet sich hier ebenso. Ich möchte jedenfalls nicht in meinem Hotelzimmer eine Nachricht (auch keine Liebesbotschaft) unter meinen privaten Sachen auffinden. Das stünde auch einem Luxushotel nicht gut zu Gesicht, aber dem wollen wir mal keine Schuld geben, spielt es doch nur die Kulisse für die Begebenheiten.

Interessanterweise konnte ich das Buch trotzdem kaum aus der Hand legen. Ich schätze, das zeigt die Meisterklasse des Autors. Er folgt auch nicht dem üblichen Spannungsbogen aus Streitpunkten, Glücksmomenten, Drama, Versöhnung und Happy-End. Insgesamt fehlt der ganze Kitsch üblicher Schnulzen. Gott sei Dank.

Wer Hollywood-Weihnachtsfilme mag mit Prinzen aus europäischen Adelshäusern, von denen man in Europa noch nie was gehört hat, der wird in der Liebesnähe innerlich vor Glück zerfließen, doch auch der vielseitig interessierte Leser kann in diesem Werk sinnvoll seine Zeit vertreiben. Wer Drama oder ‚Correctness‘ sucht, oder die Bestätigung, dass es in jeder Beziehung kriselnde Phasen gibt, dem möchte ich nicht dazu raten.

So bleibt zum Schluss die Frage, was ich aus dem Buch minehme. Harmonische Liebesgeschichte mit fernöstlicher Einfärbung, ein tieferer Sinn, den ich nicht durchdringe oder die Erkenntnis, dass perfekte Harmonie nur mit unmenschlichen Menschen erreicht werden kann?

Hanns Josef Ortheil, Liebesnähe, https://hanns-josef-ortheil.de/buecher/liebesnaehe/

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